Unter Dortmunds Straßen
Teamwork in der geheimen Welt der Luftschutzstollen
„Glück auf!“, ruft Ulrich Reckinger vom BLB NRW seinem Kollegen Markus Freiwerth von der Oberfinanzdirektion NRW (OFD NRW) grüßend zu, als er sich dem Zu gang zum Stollensystem unter der Dortmunder Innenstadt nähert. Die beiden Bergbauingenieure sind verabredet, um im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben – kurz BImA – die vermutlich größte zivile Luftschutzanlage Deutschlands aus dem Zweiten Weltkrieg zu überprüfen, die sich auf einer Länge von circa 3,5 Kilometern unter Dortmund ausbreitet.
Die Stollenanlage durchzieht die Dortmunder Innenstadt auf einer großen Fläche, über der viele Menschen wohnen und die U-Bahn verkehrt. Umso wichtiger ist es, dass regelmäßig geprüft wird, ob die alte Anlage standsicher ist. Im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) überprüfen Bergbauingenieure auf Grundlage des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes, ob von den Stollen Gefahren durch Hohlraumeinbruch, Wassereinbruch, Gasansammlungen oder mangelnde Standsicherheit ausgehen.
Seit 30 Jahren ist Ulrich Reckinger bereits im BLB NRW und in dessen Vorgängerorganisationen für diese Aufgabe zuständig. Der Bergbauingenieur, der zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn noch als Steiger im Bergwerk gearbeitet hat, macht sich routiniert für den Abstieg unter die Erde bereit: Sicherheitsschuhe, ein Helm mit Stirnlampe und ein robuster dunkler Arbeitsanzug dürfen ebenso wenig fehlen wie das geeichte Messgerät, das den Sauerstoffgehalt und verschiedene potenziell gefährliche Gase wie Kohlenmonoxid und Kohlendioxid in der Luft misst.
Eingespieltes Team unter Tage: Ulrich Reckinger (BLB NRW, links) und Markus Freiwerth (OFD NRW, rechts) bei der Befahrung der Dortmunder Luftschutzstollen – ausgerüstet mit Schutzhelm, Stirnlampe und robustem Arbeitsanzug.
Ein eingespieltes Team
Im Schnitt zweimal pro Monat ist das Duo gemeinsam unterwegs und überprüft Anlagen in ganz Nordrhein-Westfalen. Eine Grundvoraussetzung ist, dass die sogenannten Befahrungen immer zu zweit stattfinden. „Einem von uns kann immer mal etwas passieren“, erklärt Markus Freiwerth (36), der beim Einsatz in Dortmund Befahrungsleiter ist. „Da ist es schon beruhigend zu wissen, dass man nicht allein ist.“ Zusätzlich sichert ein Kollege von der BImA den Zugang zu den unterirdischen Gängen und könnte – falls das Team nach der vereinbarten Zeit nicht wieder ans Tageslicht zurückkehrt – bei der Feuerwehr Alarm schlagen. „Die Feuerwehr wird vorab informiert, dass wir in den Stollen unterwegs sind“, sagt Reckinger auf der Fahrt zum Treffpunkt. Eine ganze Mappe mit Karten der Stollen hat die Feuerwehr, um die beiden Männer im Notfall herauszuholen.
Sich aufeinander verlassen können und Vertrauen zueinander haben – das ist bei den Einsätzen von Reckinger und Freiwerth von größter Bedeutung. „Manchmal müssen wir uns in einen Schacht abseilen und einander sichern. Da ist es schon wichtig, dass man gut zusammenarbeitet und klar kommuniziert“, so Freiwerth. Ein Problem war das bei diesem Duo nie. „Auch wenn uns ein großer Altersunterschied trennt und die OFD NRW in dieser Angelegenheit offiziell unsere Fachaufsicht ist, haben wir von Beginn an ein kollegiales Verhältnis auf Augenhöhe gepflegt“, sagt der 62-jährige Ulrich Reckinger. Eine gute Grundlage für die gemeinsame Aufgabe.
Allgemeines Kriegsfolgengesetz (AKG)
Das AKG verpflichtet die Bundesrepublik, unmittelbare Gefahren für Leib und Leben abzuwenden, die aus Kriegsfolgen entstanden sind. Die Dortmunder Stollenanlage wurde während der NS-Zeit auf Veranlassung und aus Mitteln des Deutschen Reiches errichtet – ihre Sicherung ist damit eine staatliche Aufgabe bis heute.
Abstieg in die Tiefe
Rund 20 Meter unter der Erde beginnt für die beiden die eigentliche Arbeit: Jeder Gang wird systematisch abgelaufen und auf mögliche Schäden geprüft. Immer wieder stoßen die Prüfer im unterirdischen Labyrinth auf alte, längst verschlossene Zugänge zum Stollensystem. Sie alle mussten aufgrund von Vandalismus und illegalen Streifzügen durch die Stollen von innen und außen zugeschweißt werden. Die verborgenen Gänge unter der Stadt lösen in einigen Menschen eine große Faszination aus. Sogenannte Lost Places erregen große Aufmerksamkeit im Netz. Manche Abenteurer schrecken nicht davor zurück, selbst gesicherte Stahltüren mit dem Auto herauszureißen, um sich Zutritt zu verschaffen. „Die Überbleibsel solcher Ausflüge finden wir hier unten immer wieder“, sagt Ulrich Reckinger und deutet auf ein an die Wand gelehntes Fahrrad, das seinen Weg nach unten gefunden hat. Inzwischen gibt es kaum noch Zugänge im öffentlichen Raum. Zu groß ist die Gefahr, dass wieder Menschen in die alten Stollen gelangen.
Manche dieser Stollen erinnern von Höhe und Breite her fast an eine Bahnhofshalle, andere wiederum sind niedrige, in das Gestein gehauene oder gesprengte Gänge. In einigen hat sich abgeflossenes Regenwasser gesammelt. Ein mal ziehen Reckinger und Freiwerth sogar ihre mitgebrachten Wathosen an, um einen Bereich, in dem sich eine stillgelegte Wasserhebeanlage befindet, zu überprüfen. Nach zehn Minuten in völliger Dunkelheit kehren die kleinen Lichter auf den Helmen der beiden Experten wieder zurück. Ganz ans Ziel sind sie nicht gekommen. „Das Wasser stand gut einen halben Meter höher als beim letzten Mal“, erklärt Markus Freiwerth und zückt zum Beweis sein Handy mit dem Fotoprotokoll der letzten Befahrung.
„Alles in bester Ordnung“, lautet nach rund drei Stunden Befahrung das abschließende Urteil des Sachverständigen und sie steigen die Treppe ans Tageslicht hoch. Während sie ihre Sicherheitsausrüstung ablegen, verabreden sich Ulrich Reckinger und Markus Freiwerth für ihren nächsten Auftrag in der Tiefe: Nur ein paar Tage später geht es nach Wuppertal in weitere Stollenanlagen.