Bauliche Herausforderung Maßregelvollzug

Die Niederlassung Münster realisiert knapp 800 neue Plätze in der forensischen Psychiatrie

Die bauliche Modernisierung des nordrhein-westfälischen Justiz- und Maßregelvollzugs ist eine der besonders anspruchsvollen Aufgaben des BLB NRW. Allein im Maßregelvollzug (MRV) sind aktuell sieben Projekte in der Planung oder Umsetzung – vier davon komplette Klinikneubauten. Realisiert werden die Baumaßnahmen in Bedburg-Hau, Lünen, Wuppertal, Essen, Köln, Düren und Haldem von der Niederlassung Münster, die über fachliche Kompetenzen im Bereich Justiz- und Maßregelvollzug verfügt. Bauherr ist das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. 

Das LWL-Therapiezentrum für Forensische Psychiatrie Münsterland hat der BLB NRW bereits fertiggestellt. Es ist der erste komplette Klinikneubau im aktuellen MRV-Ausbauprogramm des Landes. In nur gut zwei Jahren Bauzeit errichtete das Münsteraner Team hierfür elf Gebäude auf dem ehemaligen NATO-Flugplatz in Hörstel. Bei der Anfahrt zum Therapiezentrum passieren die Besucherinnen und Besucher zunächst mehrere ehemalige Militärgebäude und Bunker. Nach einer Kurve öffnet sich der Blick auf das frühere Rollfeld, an dessen südlichem Ende die moderne weitläufige Klinik liegt. Vor dem hellen und freundlichen Gebäudeensemble flattern weithin sichtbar die Fahnen des Betreibers, dem Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL), im Wind. Vorbei an gepflegten Beeten geht es zur Pforte, die gleichzeitig die sicherheitstechnische Schaltzentrale ist. Sie verfügt unter anderem über separate Schleusen für Fahrzeuge und Personen. Wie am Flughafen gibt es Ganzkörperscanner für Besucherinnen und Besucher.

Moderne Psychiatrie in hochgesicherter Klinik

Die gesamte 60.000 Quadratmeter große Anlage ist von einem 5,5 Meter hohen transparenten Zaun mit Video- und Körperschalldetektion umgeben. Hier kommt niemand so schnell heraus oder herein. „Die hohen Sicherheitsanforderungen machen zu einem Großteil die Komplexität unserer Projekte für den MRV aus“, sagt Christopher Wenzlaff, Leiter der für den Bau zuständigen Abteilung des BLB NRW in Münster. In die forensischen Kliniken werden Menschen eingewiesen, die aufgrund ihrer schweren psychischen oder suchtbedingten Erkrankungen gravierende Straftaten begangen haben. Hier sollen sie sicher untergebracht und gleichzeitig mit entsprechenden Therapien auf ein möglichst straffreies Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Ohne Behandlung bestünde die Gefahr, dass sie erneut Straftaten begehen.

Was ist MRV?

Die gerichtlichen Unterbringungsanordnungen in den Maßregelvollzug steigen kontinuierlich. Deshalb hat die Landesregierung den Bau fünf weiterer Kliniken beschlossen. Um bis zur Fertigstellung der Standorte auf die Entwicklungen reagieren zu können, werden kurz- und mittelfristig zusätzliche Unterbringungsplätze in bereits bestehenden Klinikstandorten, wie beispielsweise in Köln, Düren, Essen und Bedburg-Hau, geschaffen. 

Die Hörsteler Klinik bietet Platz für 150 männliche Straftäter, für die ein Gericht die Unterbringung in der forensischen Psychiatrie angeordnet hat. „Von den Sicherheitsanforderungen abgesehen, ist unsere Klinik vergleichbar mit der Allgemeinpsychiatrie“, sagt Dr. Carola Spaniol, ärztliche Leiterin des LWL-Therapiezentrums. „Bei unserer Arbeit steht nicht das Delikt, sondern die Erkrankung im Vordergrund.“ Denn diese ist in der Regel die Ursache für das kriminelle Verhalten. In der Bevölkerung werden Forensiken häufig mit Sexualstraftätern in Verbindung gebracht. Doch ihr Anteil an den MRV-Patienten wird immer geringer, da diese seit einigen Jahren häufiger den Justizvollzugsanstalten zugewiesen werden. „Mit etwa 70 Prozent ist der überwiegende Teil unserer Patienten an einer schizophrenen Psychose erkrankt“, erläutert die Psychiaterin. „Unbehandelt kann diese zu Wahnvorstellungen führen, bei denen sich die betroffenen Personen bedroht fühlen und gewalttätig werden können.“ Die meisten ihrer Patienten wurden wegen Körperverletzung unterschiedlicher Schweregrade, Totschlags oder Brandstiftung verurteilt.

Gute Prognosen trotz Schwere der Erkrankungen

„Nur die wenigsten Patienten verbleiben dauerhaft in der Klinik. Schizophrene Psychosen lassen sich gut medikamentös behandeln“, sagt Dr. Spaniol. Verschiedene Therapien, intensive therapeutische Beziehungsarbeit sowie strukturierte Tagesabläufe mit Beschäftigungsangeboten unterstützen die Behandlung. Deshalb gehören zur Klinik nicht nur zwei Patientengebäude mit gesicherten Einzelzimmern, sondern auch Holz- und Metallwerkstätten, Gewächshaus, Sporthalle sowie Räume für Gruppen- oder Kunsttherapie und Schulungen. Was die Patienten in der Gartenbaugruppe leisten, lässt sich gleich nach dem Passieren der Sicherheitspforte bewundern. Auf den Rasenflächen haben sie unter Anleitung eines Gärtnermeisters Inseln mit Bäumen und bunt blühenden Blumen angelegt. Im hinteren Bereich der Anlage steht das Gewächshaus. Hier reihen sich dicke Kohlrabiköpfe neben Tomatenpflanzen und Gurken. 

Sicherheit ist Voraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz

Die hohen Sicherheitsstandards verhindern nicht nur Ausbrüche, sondern schützen auch die Mitarbeitenden. „Wir sind alle mit einem personalisierten Notrufgerät ausgestattet, mit dem wir verschiedene Alarme auslösen können“, erzählt die stellvertretende Pflegedirektorin Simone Juwien, die ihr Gerät auch während des Interviews dabei hat. Denn wenn es zu lange unbewegt an einem Ort liegt, wird ein Ruhealarm ausgelöst. „In der Pforte kann der Standort bei einem Notruf sofort lokalisiert werden.“ Die Zugänge zu den Wohn-, Arbeits- und Therapiebereichen sowie den einzelnen Stationen sind ebenfalls gesichert. Zudem sind überall auf dem Gelände Kameras und Bewegungsmelder installiert. Damit die Technik bei Stromausfall funktioniert, verfügt das Therapiezentrum über eine eigene Notstromversorgung. Aber auch die Patienten selber müssen baulich besonders geschützt werden, um Selbstverletzungen oder Suizide zu verhindern. Für das Gesundheitsministerium hat dieses auf mehreren Ebenen greifende Sicherheitskonzept besondere Relevanz: „Vertrauen in die Sicherheit ist eine grundlegende Voraussetzung, damit die Bevölkerung die Kliniken akzeptiert. Dies ist wiederum wichtig für eine effektive Behandlung und Wiedereingliederung der straffällig gewordenen Patienten“, so das NRW-Gesundheitsministerium. Ein weiterer bedeutender Faktor für die gesellschaftliche Akzeptanz ist Transparenz. Deshalb fördern die Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland als Betreiber bereits in den Planungsphasen der Kliniken den gezielten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern und die MRV-Kliniken in NRW öffnen regelmäßige ihre Pforten für Besuchergruppen.

Keine Klinik ist wie die andere

„Wegen der sehr hohen baulichen Anforderungen ist es essenziell, dass sich die Teammitglieder der unterschiedlichen Fachdisziplinen kontinuierlich abstimmen und das Gesamtprojekt genau kennen, damit wir am Ende eine voll funktionsfähige Klinik haben“, betont Christopher Wenzlaff. Und seine Kollegin Anne Lehmkuhl ergänzt: „Für den Projekterfolg ist aber auch die intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Auftraggebern, Nutzern und externen Planern grundlegende Voraussetzung.“ Denn die bauliche Gestaltung der Kliniken gibt das Gesundheitsministerium vor. Dazu kommt: Keine Klinik gleicht der anderen. „Wir haben zwei Landschaftsverbände als Nutzer und die einzelnen Kliniken haben jeweils andere Schwerpunkte und damit auch eigene Therapie- und Sicherheitskonzepte. Darauf müssen wir die bauliche Umsetzung individuell abstimmen“, verdeutlicht die stellvertretende Abteilungsleiterin den komplexen Planungsprozess. Ein technisches Raumbuch wie beim Bau von Justizvollzugsanstalten gibt es für den Maßregelvollzug nicht. Für Anne Lehmkuhl machen die intensiven Abstimmungen mit Nutzern und Bauherren aber auch den besonderen Reiz der Projekte aus: „Wir bekommen tiefe Einblicke in ein gesellschaftlich wichtiges Themenfeld, zu dem ich sonst gar keine Berührungspunkte hätte. Das ist sehr spannend.“

Auf die Münsteraner Kolleginnen und Kollegen kommen also einige Herausforderungen zu. In den kommenden Jahren werden sie rund 30.000 Quadratmeter Nutzfläche für die psychiatrische Forensik in NRW schaffen. Anne Lehmkuhl und Christopher Wenzlaff blicken dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Sie können sich auf gut eingespielte Teams mit umfassenden Erfahrungen verlassen: „Wir haben einen verlässlichen Wissenstransfer und können auf bewährte Lösungsansätze bauen.“ 

Gabriele Willems und Markus Vieth

„Es ist wie beim Fußball: Wenn unsere Teams auf das Baufeld dürfen, läuft‘s.“

Welche Bedeutung hat der Maßregelvollzug für den BLB NRW?
Markus Vieth: Für die Niederlassung Münster machen die MRV-Projekte gemeinsam mit dem Justizvollzug einen beträchtlichen Teil des Bauvolumens aus. Insgesamt schaffen wir mit den anstehenden Klinikneubauten sowie den Erweiterungen bestehender forensischer Psychiatrien in den kommenden Jahren 579 neue Behandlungsplätze, 219 haben wir bereits realisiert.
Gabriele Willems: Die Projekte für den MRV sind gleichzeitig ein prägnantes Beispiel für die gesellschaftliche Relevanz unserer Arbeit. Wir als BLB NRW leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit der Menschen in Nordrhein-Westfalen sowie für verbesserte Therapiebedingungen von psychisch kranken Straftätern.

Wegen steigender Unterbringungsanordnungen der Gerichte in den Maßregelvollzug benötigt das Land möglichst schnell zusätzliche Plätze in der psychiatrischen Forensik. Wie geht der BLB NRW mit dieser Herausforderung um?
Gabriele Willems: Als wesentlichen Schritt haben wir Planung und Bau der Projekte in der Niederlassung Münster gebündelt, die bereits ausgewiesene Kompetenzen im Bereich Justizvollzug hatte. So machen wir Fachwissen und Erfahrungen unmittelbar nutzbar für neue Baumaßnahmen und können diese schneller realisieren. Für die Zukunft wäre ein noch höheres Maß an Standardisierung der baulichen Anforderungen wünschenswert, um die Planungszeit noch mehr zu verkürzen.
Markus Vieth: Die Vorbereitungen und Planungen nehmen beim Bauen bekanntlich die meiste Zeit in Anspruch. Dies ist beim MRV nicht anders. Im Gegenteil benötigen die komplexen Anforderungen sehr sorgfältige Planungen. Aber wenn diese erst einmal abgeschlossen sind und unsere Mannschaft auf das Baufeld darf, geht es zügig voran. In Hörstel haben wir nur gut zwei Jahre Bauzeit für die gesamte Klinik benötigt. Und in Lünen konnten wir bereits ein dreiviertel Jahr nach dem Baustart das Richtfest feiern.
Gabriele Willems: Das ist wie beim Fußball. Wenn die Elf aus der Kabine auf das Spielfeld gelassen wird, dann ist die Hauptarbeit schon vorher geschehen: beim Training, dem Festlegen der Strategie und der Mannschaftsaufstellung. Auf dem Spielfeld greift dann ein Rädchen in das andere – und das Spiel läuft.
 

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