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Hochschulen

CMM: Organisierter Zufall als Planungsprämisse

Forschungsbau mit vielen Superlativen

Forschung allein im stillen Kämmerlein – diese Vorstellung von der wissenschaftlichen Arbeit ist lange überholt.  Moderne Forschung lebt von Kommunikation und Austausch. Das hat auch Auswirkungen auf die Architektur von Forschungsbauten. Zum Beispiel beim Center of Mathematics Münster, das der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW für die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) realisiert - ein außergewöhnliches Bauprojekt mit vielen Superlativen.

Anspruchsvoller Forschungsbau – da denken die meisten nicht zu Unrecht an Labore und komplexe Technikausstattung. Es kann aber auch ganz anders sein. Das zeigt das Center of Mathematics Münster, kurz CMM. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) zeichnete das Nutzungs- und Baukonzept für das CMM als „besonders herausragendes Vorhaben“ aus. Mit dem wegweisenden Gebäude entsteht auf einem unbebauten Grundstück am Orléans-Ring in Münster etwas bislang Einmaliges: Unterstützt durch ausgefeilte architektonische Lösungen und wissenschaftliche Programme sollen hier unterschiedliche Teilbereiche der Mathematik wieder als organisches Ganzes betrachtet werden. Ziel ist es, dass Forschende gemeinsam übergreifende Zugänge und Techniken zur Lösung mathematischer Fragen entwickeln. Davon soll nicht nur die Mathematik selbst profitieren. Denn auch für andere Wissenschaften können mathematische Entdeckungen wegweisend sein.

Organisierter Zufall: Das gesamte Gebäude ist auf zufällige Interaktion und Begegnung ausgerichtet.

Ungeplante Interaktionen gezielt fördern

Das Center of Mathematics Münster beruht auf einem Forschungskonzept des Excellenzclusters Mathematik der WWU. „Viele mathematische Durchbrüche entstehen durch zufällige Interaktionen“, sagt der Professor für angewandte Mathematik Dr. Mario Ohlberger. Und diesen eher zufälligen Austausch möchte der Excellenzcluster unter anderem durch die Architektur fördern. „Die gesamte Gestaltung des Gebäudes, sein Grundriss, die Aufteilung der Räume und ihre Verbindungen sind auf Begegnung und Kommunikation der hier arbeitenden und forschenden Menschen ausgelegt“, erläutert der Architekt Noah Thieben von der Niederlassung Münster des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW (BLB NRW), der mit seinen Kolleginnen und Kollegen das CMM geplant hat.

Ein gutes Team: Prof. Dr. Thomas Nikolaus, Prof. Dr. Mario Ohlberger, Prof. Dr. Michael Joachim von der WWU sowie Noah Thieben und Vera Vossenberg (von links) haben bei den Entwürfen für das CMM eng zusammengearbeitet.

Nachgefragt bei
Dr. Mario Ohlberger
Professor für angewandte Mathematik, WWU Münster
Herr Prof. Ohlberger, von Hilfsmitteln wie Computern und Tafeln einmal abgesehen, findet die Forschung der Mathematiker primär im Kopf statt. Welche Bedeutung kann dabei die Architektur haben?

Eine sehr große. Früher sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Institute in ihre Arbeitsräume gegangen und haben sich außerhalb von Meetings kaum gesehen. Mit einfachen Mitteln haben wir bereits jetzt Orte für spontane Interaktion geschaffen und der Austausch untereinander hat dadurch schon zugenommen. Das beschränkt sich bislang aber noch auf einen Flur oder eine Etage. Im CMM brechen wir diese räumlichen Grenzen zwischen den verschiedenen Forschungsgruppen und Teildisziplinen nun auf, unter anderem durch das große Atrium, Lichthöfe oder verschiebbare Trennwände und Tafeln vor transparenten Bürowänden. Der Entwurf orientiert sich an Konzepten von Coworking Spaces, wie wir sie aus der Startup-Kultur kennen. Die Philosophie für unser Gebäude lautet Offenheit und Flexibilität. Aber selbstverständlich arbeitet auch die Mathematik mit modernster Technik. Neben einer Interaktions-Lounge haben wir ein Scientific Computing Lab und ein Virtual Reality Lab für 3D-Visualisierungen geplant. Die gesamte Medientechnik wird zudem vernetzt. 

Ist der Excellenzcluster der WWU mit dem Bauvorhaben CMM Vorreiter?

Einzelne Elemente, wie wir sie mit dem CMM umsetzen, gibt es auch an anderen mathematischen Instituten, zum Beispiel am Research Institute for Mathematical Sciences in Kyoto oder den Max-Planck-Instituten für Mathematik in Bonn und Leipzig. Das Isaac Newton Institute in Cambridge (UK), das MSRI in Berkley sowie das Mathematische Forschungszentrum Oberwolfach sind zudem Vorbilder in Bezug auf die baulichen Konzepte und die Förderung der Interaktion. Aber es ist mir kein anderes Institut bekannt, das architektonisch und konzeptionell die Interaktion so konsequent in den Mittelpunkt stellt, wie wir das machen. Damit sind wir bislang wohl einmalig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hohe Anforderungen als Ansporn

Für die Projektteams des BLB NRW sind Eigenplanungen eigentlich unüblich. Sie leiten die Bauvorhaben, halten die Fäden zusammen und steuern die externen Auftragnehmer. Die Entwürfe kommen in der Regel von Architektur- und Planungsbüros. Umso mehr freut sich das Team über die Auszeichnung und Förderung dieses eigenen Entwurfs durch die GWK, zumal die Planungen unter großem Zeitdruck stattfanden. „Die intensive Arbeit am CMM hat unser siebenköpfiges Team zusammengeschweißt“, berichtet die technische Projektverantwortliche Vera Vossenberg. „Die zeitlichen und inhaltlichen Herausforderungen haben wir als Ansporn empfunden.“ Und das ist dem ambitionierten Entwurf auch anzusehen:

Mittelpunkt des CMM ist ein Atrium, das Tageslicht bis ins Erdgeschoss hineinlässt und alle Geschosse miteinander verbindet. Die Sitzstufen des Atriums führen zum Konferenzbereich, der sich durch Faltwände flexibel öffnen und unterteilen lässt. Die Wände zwischen Büros und Fluren sind in großen Teilen transparent gestaltet. Verglaste Flächen können bei Bedarf mit verschiebbaren Tafelelementen verdeckt werden. So ist ungestörtes Arbeiten möglich. Zwei weitere Atrien verbinden das 1. Obergeschoss mit den darüber liegenden Etagen.

Das große Atrium im Eingangsbereich verbindet die Geschosse miteinander und lässt Tageslicht bis in das Erdgeschoss hinein.

Von außen ist der ca. 3.500 qm große Bau mit einer Metallfassade in Wabenstruktur umhüllt. Je nach Betrachtungswinkel werden die vertikalen Elemente der Waben zu Diagonalen. „Dies ist aus dem Gedanken entstanden, dass auch bei mathematischen Formeln bei einem Perspektivwechsel eine völlig andere Wirkung entstehen kann“, sagt Noah Thieben.


Nachgefragt bei
Noah Thieben
Architekt, BLB NRW Niederlassung Münster
Herr Thieben, die GWK hat das CMM als „herausragendes Vorhaben“ ausgezeichnet. Wie haben Sie die Ideen des Excellenzclusters in konkrete Entwürfe umgesetzt?

Wir haben uns während der gesamten Planungen sehr eng mit Prof. Ohlberger und seinen Kollegen vom Cluster über die Anforderungen abgestimmt. Die Zusammenarbeit war intensiv, konstruktiv und hat sehr viel Spaß gemacht. Die Planungen standen unter dem Schlagwort „der organisierte Zufall“. Dafür mussten zum Teil ungewöhnliche architektonische Lösungen und Raumordnungen entwickelt werden. Dazu gehört auch die Tafel, die als Medium der Mathematik eine zentrale Rolle spielt. Die Tafeln dienen nicht nur als Raumteiler, sie laden auch dazu ein, spontane Ideen direkt zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Durch ihre Ausrichtung auf die offenen Flure und Atrien sind die Tafelinhalte für alle sichtbar, was den Austausch zwischen den Forschungsgruppen gezielt unterstützt. Die offene Bauweise des CMM stellt aber auch sehr hohe Anforderungen an die Gebäudetechnik, beispielsweise an die Belüftung, die Akustik oder den Brandschutz. Wenn das nicht passt, hat die schönste Planung keinen Bestand. Deshalb haben wir bei den Entwürfen Hand in Hand mit unseren Versorgungsingenieuren zusammengearbeitet. Nur durch die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit innerhalb des BLB NRW und mit der WWU konnte ein solcher Entwurf in dem straffen Zeitfenster entstehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Vision und Forschung – das Centre of Mathematics Münster des Excellenzclusters

Die Forschungsprogrammatik des CMM wird von 37 Forschungsgruppen und zehn Nachwuchsgruppen aus vier Instituten des Fachbereichs Mathematik und Informatik der Westfälischen Wilhelms-Universität getragen. Im Fokus der Projekte stehen vier mathematische Grundprinzipien: Struktur, Geometrie, Dynamik und Deformation. Die Ergebnisse sind nicht nur für die Mathematik relevant, sondern eine wichtige Grundlage für Anwendungen zum Beispiel in der Medizin, Biologie oder Physik. 

Das CMM ist als akademischer Thinktank konzipiert und orientiert sich an Konzepten von Coworking Spaces. Auch Raum für Rückzug und konzentriertes Arbeiten ist vorgesehen. Die 153 Arbeitsplätze sollen größtenteils wechselnd und zeitlich befristet von Forschern, Arbeitsgruppen und Gästen belegt werden, sodass immer wieder neue Konstellationen zusammenkommen. Eine Interaktions-Lounge, Konferenzräume mit hybrider Technik, eine offen gestaltete Bibliothek, ein Scientific Computing Lab, ein Virtual Reality Lab für 3D-Visualisierungen, vernetzte Medientechnik sowie Räume für Wissenschaftskommunikation und Kinderbetreuung runden das Konzept ab.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des CMM der WWU.

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