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Betreiben & Bewirtschaften

Betriebsoptimierung und Energiespar-Contracting

Energieeffizienz – alles eine Frage der richtigen Einstellung

Neubauten liefern mit ihrer modernen Gebäudetechnik gute Energiebilanzen – aber was ist mit Bestandsgebäuden? Um zu klären, inwiefern auch ältere Liegenschaften energiesparender und klimafreundlicher betrieben werden können, hat der BLB NRW gemeinsam mit den Immobiliennutzern gleich zwei Pilotprojekte ins Leben gerufen. Das eine beschäftigt sich mit der Betriebsoptimierung, das andere mit dem Thema Energiespar-Contracting. Die erste Zwischenbilanz fällt schon mal positiv aus …

Mitten im Zentrum von Bonn steht das im 19. Jahrhundert gebaute Land- und Amtsgericht. Im Laufe der Jahre wurde das Gebäude immer wieder erweitert. Auch neue Gebäudetechnik mit zahlreichen Steuerungsmöglichkeiten wurde in dem historischen Gebäude installiert. Deren Einstellungen wurden durch Dienstleister oft verändert, aber selten hinterfragt, weil es keine Daten und Zähler zur Visualisierung der Auswirkungen auf den Energieverbrauch gab. Nur die stetig steigenden Energiekosten machten sich irgendwann bemerkbar. Schnell standen ungünstige Einstellungen der Gebäudetechnik im Verdacht – einerseits bei der bedarfsabhängigen Regelung der Lüftungsanlage, andererseits aber auch bei der Anlagenabsenkung an Wochenenden und Feiertagen. Vonseiten des Land- und Amtsgerichts ging man deshalb auf den BLB NRW zu, wo das Thema in der Kölner Niederlassung auf dem Tisch von Energieberaterin Julia Blume landete – die Geburtsstunde des Pilotprojektes „Betriebsoptimierung“.

Wir wollen dabei mit den Bestandsanlagen die Behaglichkeit in den Gebäuden verbessern und gleichzeitig Energie sparen.

Julia Blume, Energieberaterin BLB NRW, Niederlassung Köln
Betriebsoptimierung – für ein Optimum in jeder Hinsicht

Die Betriebsoptimierung setzt auf die optimale Einstellung und Steuerung von technischen Anlagen. „Wir wollen dabei mit den Bestandsanlagen die Behaglichkeit in den Gebäuden verbessern und gleichzeitig Energie sparen“, erklärt Julia Blume die Grundzüge des Konzepts, das sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Daniel Kühler anging. Zunächst galt es, einen Ausgangspunkt zu ermitteln: Wie hoch war der durchschnittliche Verbrauch der vergangenen drei Jahre in den jeweiligen Anlagen? Wie lange und auf welcher Temperatur läuft die Heizung? Wie sind die Lüftungsanlagen eingestellt? Und wie teilt sich der Stromverbrauch innerhalb des Gebäudes auf? Um all diese Daten zu erfassen, wurden verschiedenste Zähler eingebaut und die unterschiedlichen Energieverbräuche des Gerichts über einen längeren Zeitraum analysiert. Tatsächlich stellte sich auf Basis dieser neuen Datenlage heraus, dass sich bei zahlreichen Einstellparametern Chancen boten, den Energieverbrauch zu reduzieren. Themen wie fehlende Feiertagsprogramme, unnötig lange Laufzeiten von Lüftungsanlagen und zu hohe oder zu niedrige Einstellungen der Zulufttemperaturen waren nur einige Punkte, die sich optimieren ließen. „Wir hatten hier viele Möglichkeiten, Energie einzusparen“, blickt Julia Blume zurück. Im Rahmen der Betriebsoptimierung wurden nach der Bestandsaufnahme unterschiedliche Maßnahmen erarbeitet, die im Anschluss mit dem Mieter besprochen wurden. Dabei war es wichtig, das Wohlbefinden der Nutzer nicht zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Aufenthaltsqualität sollte sich sogar verbessern, denn nur so kann eine Betriebsoptimierung den Spagat zwischen Gebäudenutzung und Gebäudebetrieb schaffen und langfristige, nachhaltige Erfolge erzielen. Deshalb wurden bei der Optimierung auch die Ergebnisse des parallel laufenden Forschungsprojektes EE-Office des Wuppertal Instituts und der EBZ Business School berücksichtigt. Im Rahmen des Projektes wurde mithilfe von Temperatur- und CO2-Messgeräten auch die Behaglichkeit in den Räumen der Gerichte ermittelt, um zu erkennen, wann geheizt oder gelüftet werden muss, um die Wohlfühltemperatur und den optimalen Sauerstoffgehalt im Raum zu halten. Insgesamt wurden 27 Optimierungsmaßnahmen identifiziert. Oft waren es kleine Stellschrauben, an denen gedreht werden konnte – natürlich immer in Absprache mit dem Nutzer. „Befürchtungen, dass die Räume in Zukunft schlecht geheizt oder belüftet werden, um Energie zu sparen, konnten so genommen werden“, berichtet Julia Blume. Das Pilotprojekt war insgesamt von einer guten Zusammenarbeit geprägt. Das sieht auch Baudezernent Hendrik Büter vom LG Bonn so: „Die Kommunikation mit den Verantwortlichen war angenehm und wir hatten immer das Gefühl, dass unsere Nutzerwünsche berücksichtigt wurden.“

Das Forschungsprojekt EE-Office

EE-Office steht für das Forschungsprojekt „CO2 -Einsparungen durch nutzerzentrierte Energieeffizienzlösungen in Bürogebäuden“

Contracting nimmt Energieeffizienz unter Vertrag

Um die optimale Anlageneinstellung (und mehr) geht es auch beim Energiespar-Contracting (ESC). Für Dr. Stefan Holeck aus der BLB NRW Niederlassung Münster ist klar: „Das Energiespar-Contracting kann ein wichtiger Baustein beim effizienten Betrieb von Bestandsgebäuden sein.“ Hinter dem Contracting verbirgt sich das folgende Konzept: Der Gebäudeeigentümer, also etwa der BLB NRW, schließt einen Vertrag mit einem Auftragnehmer ab, dem sogenannten Contractor. In diesem Vertrag verpflichtet sich der Contractor, ein Energiespar-Spezialist, technische Maßnahmen zur Energieeinsparung auf seine Kosten durchzuführen. Der Eigentümer verpflichtet sich im Gegenzug, dem Auftragnehmer die eingesparten Energiekosten als jährlichen Festbetrag für die gesamte Vertragslaufzeit zu zahlen – basierend auf den durchschnittlichen Jahresenergiekosten vor Vertragsbeginn. Auf diese Weise refinanziert der Contractor seine Anfangsinvestition und erwirtschaftet Gewinne. Der Auftraggeber wiederum begleicht die tatsächlich anfallenden, reduzierten Energiekosten. Ob kleine Maßnahmen wie der Austausch von Leuchten, die Optimierung des Gebäudebetriebs oder energetische Sanierungsmaßnahmen: Die Vertragslaufzeit wird beim Contracting so gewählt, dass es einen finanziellen Anreiz für ganz unterschiedliche Maßnahmen gibt. „Das Interesse des Contractors an einem Auftrag wächst, je höher das Einsparpotenzial ist – am besten liegt es jenseits von 20 Prozent“, fasst Holeck zusammen. Auch für den Gebäudeeigentümer ergeben sich Vorteile: Alle im Rahmen des ESC installierten Anlagen gehen in den Besitz des Gebäudeeigentümers über und stehen ihm auch nach dem Ende der Vertragslaufzeit zur Verfügung. Mithilfe der Contractoren kann der BLB NRW über seine eigenen personellen Ressourcen hinaus an der energetischen Verbesserung seiner Gebäude arbeiten und dabei eine enge Betreuung seiner Kunden sicherstellen. Denn auch beim ESC spielen die Behaglichkeit und die Zufriedenheit des Nutzers eine zentrale Rolle, damit am Ende eine „Win-win-win“- Situation für die Nutzer, den Auftragnehmer und den BLB NRW entsteht.

© BLB NRW

An der Auftaktveranstaltung zum denaModellvorhaben „Co2ntracting: build the future!” nahmen auch die Expertinnen und Experten des BLB NRW teil.

© BLB NRW

Mit der richtigen Einstellung bietet auch ältere Haustechnik großes Einsparpotenzial.

© BLB NRW

Julia Blume und Daniel Kühler im Gespräch mit Michael Schmucker vom Gericht.

© BLB NRW

Auch im denkmalgeschützten Altbau stimmen Klima und Energieeffizienz wieder.

BLB NRW für dena Modellvorhaben qualifiziert

Um erste Erfahrungen mit dem Konzept des Energiespar-Contractings zu gewinnen, hat sich der BLB NRW für die Teilnahme an einem Modellvorhaben der Deutschen Energie Agentur (dena) beworben und sich mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Castrop-Rauxel qualifiziert. „Durch die Zusammenarbeit mit der dena können wir wichtiges Expertenwissen nutzen und konkrete Praxiserfahrungen sammeln“, erklärt Stefan Holeck. Er hofft, Ende 2021 mit dem Energiespar-Contracting starten zu können. Zuvor gilt es aber, ein ziemlich kompliziertes Vertragswerk zu entwickeln, das rechtssicher und inhaltlich optimal auf die JVA Castrop-Rauxel zugeschnitten ist. Genau dabei unterstützen die Experten der dena die Teilnehmer des Modellvorhabens.

Durch die Zusammenarbeit mit der dena können wir wichtiges Expertenwissen nutzen und konkrete Praxiserfahrungen sammeln.

Dr. Stefan Holeck, Energieberater BLB NRW, Niederlassung Münster
Energiespar-Expertise im eigenen Haus

Außer mit der dena arbeitet Holeck auch mit den BLB NRW Kolleginnen und Kollegen aus dem Fachbereich Energiemanagement und Beratung zusammen. Dort laufen die Fäden rund um alle Fragen zum Thema Energie zusammen. Für Noemi David, Leiterin des Fachbereichs, steht fest: „Mit den Themen Betriebsoptimierung und Energiespar-Contracting haben wir die Möglichkeit, die Nutzerzufriedenheit zu verbessern und gleichzeitig die Klimaschutzziele des Landes Nordrhein-Westfalen in Angriff zu nehmen. Wichtig dafür ist, die gewonnenen Erfahrungen aus den Pilotprojekten zu nutzen und Möglichkeiten auszuloten, erzielte Erfolge in die Fläche zu übertragen.“ Genau an diesem Punkt steht Julia Blume aus der Niederlassung Köln. Nach ersten Auswertungen konnte mit dem Pilotprojekt am Land- und Amtsgericht Bonn eine jährliche Energieeinsparung von 23 Prozent im Bereich der Heizung und von 13 Prozent beim Strom erreicht werden. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen hat sie nun zehn weitere Pilotprojekte im Visier. „Wir wollen schauen, ob wir diesen großen Einspareffekt auch auf andere Gebäudetypen übertragen können“, so Julia Blume. Schließlich ist mehr Energieeffizienz bei Bestandsgebäuden letztlich oft nur eine Frage der „richtigen Einstellung“.


Nachgefragt bei
Nachgefragt bei Hendrik Büter
Dezernent für Bau- und Haushaltsangelegenheiten am Landgericht Bonn
Herr Büter, weshalb hat das Landgericht Bonn am Projekt „Betriebsoptimierung“ teilgenommen?

Wir haben vor fünf Jahren gemerkt, dass sich unsere Nebenkosten im Vergleich zu den Vorjahren deutlich erhöht haben – insbesondere bei den Heiz- und Stromkosten. Und wir hatten die Vermutung, dass Dinge wie die Nacht- und Wochenendabsenkung der Heizung nicht richtig funktionieren. Eigentlich wollten wir eine Energieberatung in Anspruch nehmen. Der BLB NRW hat uns dann aber angeboten, die Analyse selbst durchzuführen, und schon war die Idee zu dem Pilotprojekt geboren, das landesweit zum Vorbild werden könnte.

Was genau begeistert Sie an der Betriebsoptimierung?

Das Einsparpotenzial, das man allein durch Veränderungen an den Einstellungen der Anlagen erreichen kann – für unsere Liegenschaft beispielsweise eine Kostenreduzierung von bis zu 140.000 Euro im Jahr. Selbst wenn man nur einen Teil davon realisieren kann, ist das eine deutliche Einsparung von Haushaltsmitteln und damit Steuergeld. Dazu kommt der Aspekt Klimaschutz: Weniger Fernwärme- und Stromverbrauch bedeuten letztendlich auch weniger klimaschädliche Emissionen. Ich persönlich fand auch den vertieften Einblick in unsere Gebäudeleittechnik sehr spannend und war sehr überrascht, wie einfach man Raumklima und Energieverbrauch optimieren kann, ohne groß baulich in die Anlage einzugreifen.

Wie hat die Zusammenarbeit mit dem BLB NRW funktioniert?

Die Zusammenarbeit mit dem BLB NRW bei der Betriebsoptimierung war sehr positiv. Die Kommunikation mit den Verantwortlichen war angenehm und wir hatten immer das Gefühl, dass unsere Nutzerwünsche berücksichtigt wurden. Sehr informativ waren auch die Präsentationen, die der BLB NRW gemacht hat. Das war sehr aufschlussreich. Etwas langwieriger war aber zum Beispiel der Vertragsschluss zwischen Justiz und BLB NRW über die Betriebsoptimierung.

Warum sollten andere Landesnutzer das Thema berücksichtigen?

Man muss ganz klar sagen: wegen der finanziellen Aspekte. Je nach Gebäude- und Anlagenalter wird es wahrscheinlich auch anderswo große Optimierungsmöglichkeiten geben. Wenn schon bei uns ein fünf- bis sechsstelliger Betrag möglich ist, dann kann man das ja mal auf landesweite Werte hochrechnen. Da ist sicherlich eine Menge Potenzial. Der zweite Punkt ist die Umwelt. Wenn wir unseren Energieverbrauch reduzieren, mag die Auswirkung auf das Klima verschwindend gering sein, aber wenn das landesweit gemacht wird, kann ich mir vorstellen, dass das durchaus messbare Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

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