Erbe von 1848: Was passiert mit dem Panoptikum?

Neue Perspektiven für die Justizvollzugsanstalt Münster

Ein Gefängnis wie aus dem Bilderbuch: um eine Beobachtungshalle gruppieren sich sternförmig fünf Gebäudeflügel. Von dem zentralen Punkt aus hat der Gefängniswärter alle Zellentüren gleichzeitig im Blick. Von außen betrachtet, wirkt das neogotische Ensemble aus dunklem Backstein mit seinen Türmen, Torhäusern und der Mauer wie eine verschlossene Stadt in der Stadt. Nach ihrer notwendigen Öffnung im Sommer 2016 eröffnet der BLB NRW der JVA Münster nun gänzlich neue Perspektiven.

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Quelle: Hartwig Dülberg © LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur


Der Juli 2016 wird vermutlich vielen Münsteranern noch lange im Gedächtnis bleiben: für die Öffentlichkeit scheinbar ohne Vorwarnung wurde damals die Justizvollzugsanstalt Münster geräumt. Die Gewölbe des fast 170 Jahre alten Hafthauses drohten einzustürzen, hieß es. Innerhalb kürzester Zeit wurden rund 500 Häftlinge evakuiert und auf andere Gefängnisse des Landes NRW verteilt. Viele Mitarbeiter des Strafvollzugs verloren ihren gewohnten Arbeitsort und mussten sich, genauso wie die Familien, Bezugspersonen und Anwälte der Häftlinge, auf deutlich weitere Fahrwege einstellen.

Was genau ist das Problem?

Kern der Gefängnis-Frage in Münster ist die Statik der in die Jahre gekommenen Gewölbedecken. Die Kuppel über der zentralen Beobachtungshalle und die Gewölbedecken über den Zellenfluren stammen aus der Mitte des vorletzten Jahrhunderts und weisen inzwischen deutliche Ermüdungszeichen auf. Das Material zwischen den Gewölbesteinen ist mit der Zeit mürbe und lose geworden. Die Substanz, die die Decken zusammenhält, wird nach und nach immer schwächer.


2010 wurde das bereits Jahre zuvor prognostizierte Problem offensichtlich: bei kleineren Baumaßnahmen mit Erschütterungen durch Bohren und Stemmen platzten in mehreren Haftzellen Teile des Deckenputzes ab. Vereinzelt fielen gar Steine von den Deckengewölben. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die anschließende Untersuchung der Zellengewölbe brachte ans Licht, dass der Mörtel zwischen den bogenförmig angeordneten Ziegelsteinen an vielen Stellen porös geworden war und bei Berührung aus den Fugen rieselte; teilweise zeigten sich sogar durchgehend mörtelfreie Fugen.


„Die Mauerwerkssubstanz ist insgesamt als weich bis sehr weich einzuordnen. Entscheidend ist […] die ausgeprägte Zermürbung und Versandung des Fugenmörtels. Dies ist im Wesentlichen auf die altersbedingte Ermüdung des Baustoffs zurückzuführen.“ (Ingenieurgesellschaft Thomas & Bökamp, 25. Mai 2010)


Die beschädigten Zellen einschließlich ihrer Nachbarzellen wurden für die Nutzung gesperrt. Statiker und Ingenieure beobachteten die Entwicklung der historischen Gewölbe fortan mit Adleraugen. Weitere Bauarbeiten am Hafthaus wurden ganz untersagt oder konnten nur noch stark eingeschränkt durchgeführt werden. Eine Sanierung der Gewölbedecken im laufenden Betrieb kam für den BLB NRW nicht in Frage: die damit einhergehenden Erschütterungen hätten stets eine Gefahr für die Bauarbeiter dargestellt.


Eine weitere Vorsichtmaßnahme, die nun folgte, war die Installation eines Monitoring-Systems. Rund um die Uhr melden unzählige feine Sensoren an der Decke der Zentralkuppel, ob es zu Bewegungen oder Rissen im Gewölbe kommt. Im Falle einer Messung, die über die Standardwerte hinausging, hätte man die JVA mit ausreichend Vorlaufzeit räumen können.


Zugespitzt hatte sich die Situation schließlich Mitte 2016, nachdem mehrere Gutachter zu dem Ergebnis kamen, dass sie die Standsicherheit der Gewölbe mittelfristig nicht mehr attestieren könnten. Erstmals ging eine konkrete Gefahr von den Gewölbedecken aus und die Sicherheit der Gefängnisinsassen und Strafvollzugsbediensteten konnte nicht mehr gewährleistet werden. Der BLB NRW und das Justizministerium NRW entschieden daraufhin gemeinsam, das Gefängnis vorsorglich zu räumen.


„Die […] Gewölbe über den Zellen der JVA Münster sind […] extrem hoch belastet und weisen hinsichtlich ihrer Materialeigenschaften sowie ihrer Belastung keine normgemäßen Werte mehr auf. Bei einem Aufbrechen der Putzverkleidung verbunden mit dem Herausrieseln des zerstörten Mörtels ist die Reststandsicherheit nicht mehr gegeben“ (Prof. Dr. Michael Fastabend, 22. Juni 2016)


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Quelle: Hartwig Dülberg © LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur


Wie geht es weiter?

Heute hat man in der JVA Münster einen Weg gefunden, die Bedürfnisse nach Sicherheit und Haftplätzen nahe an Land- und Amtsgericht weitest möglich in Einklang zu bringen. Der Justizvollzug an der Gartenstraße geht weiter – wenn auch in kleinerem Format:


Das ehemalige Lazarettgebäude, das neben dem Haftstern auf dem JVA-Gelände steht, wurde für die Aufnahme rund 80 Untersuchungshäftlinge hergerichtet. Außerdem laufen die Vorbereitungen, Flügel B des Haftsterns für neu zu nutzen. Der Gebäudeflügel B weist im Unterschied zum Rest des Haftsterns eine solide Statik vor: nach seiner Zerstörungen im 2. Weltkrieg wurde er äußerlich scheinbar gleich wiederaufgebaut, erhielt jedoch eine der Bauentwicklung entsprechende und heute noch sichere Dachkonstruktion aus Stahlbeton. Nach einigen baulichen und technischen Umbauarbeiten kann Flügel B autark vom Rest des Haftsterns noch einmal rund 140 Häftlinge aufnehmen.


Der übrige Teil des Haftsterns bleibt gesperrt. Allein Fachpersonal darf die Zentralhalle und die übrigen Gebäudeflügel zur Wartung und Inspektion betreten. Denn auch wenn es in Teilen leer steht, nagen die Zeichen der Zeit weiter am Panoptikum: Verwitterung, Feuchtigkeit und Frost fügen v.a. Fassade und Dach der JVA immer wieder Schäden zu. Gemeinsam mit der Denkmalschutzbehörde hat der BLB NRW ein umfassendes Instandhaltungskonzept für die JVA Münster erarbeitet. Ziel der Maßnahmen ist, die Substanz der unter Denkmalschutz stehenden JVA weiter zu erhalten.


 „Die Sicherheit unserer Gebäude hat oberste Priorität bei allem, was wir tun. Wir übernehmen die Verantwortung für den Zustand der JVA Münster und arbeiten zusammen mit Justizministerium und Denkmalbehörde daran, das Beste aus ihr zu machen.“ (Markus Vieth, Leiter der Niederlassung Münster des BLB NRW)

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Quelle: Hartwig Dülberg © LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur

JVA Münster

Als Panoptikum bezeichnet man ein strahlenförmiges Gebäude, in dem von einem zentralen Ort aus z.B. Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können. Durch diese Bauweise erhoffte man sich ständigen Überwachungsdruck auf die Insassen bei geringem personellen Aufwand. Architektonisches Vorbild für die „königliche Strafanstalt Münster“ war das Gefängnis in Pentonville im Norden Londons aus dem Jahr 1842. Zuvor war bereits in Philadelphia ein Gefängnisbau entstanden, in dem man zur leichteren Überwachung mehrstöckige Zellentrakte strahlenförmig um einen Zentralbau angeordnet hatte.

 
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